Das waren Zeiten, als es in den Räumen in der Brüderstraße 9 in Soest noch Kaffee, Kuchen und Gebäck gab. Wo heute ein Schuhhaus ist, gab es lange Jahre das exclusive und Cafe Aecker, das bei vielen Soestern sehr beliebt war. Auch bei Werner Tigges, der sich noch lebhaft an seine „Aecker-Zeit“ erinnert.
„Es war das Jahr 1965. Ich würde bald die Schule beenden, um eine Lehre als Konditor zu beginnen. Also machte ich mich auf den Weg in die Stadt, wo es einige Cafés gab. Café Fromme und Café Brechtmann am Markt (heute Eiscafé Venezia), Café Linpinsel in der Petristraße (heute Pesel), Café Helm im Grandweg (heute der SO-fair Welt Laden) und eben das Cafe Aecker in der Brüderstraße. Also besuchte ich mehrere potenzielle „Lehrherren“, wie die Ausbilder damals noch hießen. So auch im Café Aecker.
Aber während ich bei anderen Cafés quasi zwischen Tür und Angel empfangen wurde, nahm sich Emil Aecker im Oktober 1965 die Zeit und setzte sich mit mir in sein Café um mich kennenzulernen. Zum Schluss sagte er: ‚Komm Anfang Dezember nachmittags nach der Schule vorbei, und guck Dir an, was wir hier so machen. Dann weißt Du, ob es für Dich das richtige ist.‘ Ich war begeistert von der Idee und bekam schnell einen Einblick in die Arbeit. Der Chef lernte mich kennen und bekam in der Hochsaison in der Adventszeit eine Hilfskraft in der Backstube. Dann kam der Hammer zu Weihnachten: ‚Komm Heiligabend vormittags kurz vorbei‘, sagte Millie Aecker, die Frau vom Chef, an meinem letzten Praktikumstag. Das machte ich und ging mit viel Weihnachtsgebäck, dessen Vielfalt ich bis dahin kaum gekannt hatte und frischem Butterkuchen, nach Hause. Das war meine Entschädigung für die drei Wochen im Dezember 1966, und es war sehr ausreichend.
Ich habe mich wohl nicht ganz so blöd angestellt, denn nach diesem ‚Praktikum‘ war Herr Aecker von mir überzeugt, und ich davon überzeugt, Konditor werden zu wollen. Es wurde ein Lehrvertrag über drei Jahre geschlossen und für das erste Lehrjahr eine Vergütung von 50 Deutsche Mark im Monat vereinbart. Am 1. April 1966 ging es los, morgens um 6:45 Uhr kam ich zu meinem ersten Arbeitstag in die Backstube. Ich habe die ersten Wochen überwiegend Backbleche gereinigt und ähnliches. Aber nach und nach wurde mir immer mehr gezeigt und zugetraut, und die Kollegen ließen mich auch selbst mal was machen.
In der Backstube arbeitete Herr Aecker selbst, neben ihm noch ein zweiter Konditormeister, der auch mein Ausbilder war, eine Gehilfin, wie man das damals nannte und neben mir noch ein ‚Lehrmädchen‘. Die Erinnerung an meinen Ausbilder ist eher schmerzhaft. Zum einen gab er mir an einem Samstag im Sommer 1966 für eine Kleinigkeit eine Ohrfeige und zum anderen diskutierte er mit mir am Montag, als wäre nichts gewesen, über das verlorene Fußball-WM-Finale 1966 in Wembley.
Das Cafe Emil Aecker war ein Betrieb, der seine Waren ohne jegliche Chemiezusätze hergestellt hat. Die waren Mitte der 1960er-Jahre neu aufgekommen waren und sehr angesagt. Bei Aeckers wurden die Basics gelehrt, vom Konservieren, trocknen von Obst, einlegen von Orangeade und Zitronat und so weiter. Backwaren und Torten wurden täglich frisch und im Sommer das Eis selbst hergestellt. Außer montags, dann war Ruhetag. Aber nicht für mich: Herr Aecker bestellte mich für vormittags und übte mit mir bestimmte Verfahren, für die sonst keine Zeit war. An meinem und seinem freien Tag.
Dann kam die Allerheiligenkirmes 1966. Wir haben im Minutentakt Wurstbrötchen frisch gebacken und vor allem am Kirmes-Donnerstag Unmengen davon verkauft. Zu der Zeit saßen im Café noch Damen mit Hüten, die gerne mal ein Likörchen tranken und etwas Süßes aßen. Die Männer verspeisten lieber ein Wurstbrötchen, dazu gab es ein Bier und einen ‚Kurzen‘.
Meine Ausbildung ging weiter, bis mich plötzlich der Schlag traf. Anfang 1967 eröffnete mir Herr Aecker, dass er sein Café schließen werde. Ich sollte mir einen neuen ‚Lehrherren‘ suchen. Nach dem ersten Schreck machte ich mich auf den Weg zum Café Brand in der Brüderstraße 42 gegenüber des ehemaligen Kaufhof. Dort setzte ich dann Mitte des Jahres 1967 meine Ausbildung fort, die ich im Jahr 1969 mit der Prüfung zum Konditorgesellen erfolgreich abschloss. Aber die Qualität, wie ich sie aus dem Hause Aecker kannte, habe ich nie wieder kennengelernt.“