Soest als Hochburg für Karnevalsmuffel
Wer in Soest Spuren des Karnevals sucht, muss schon sehr genau hinschauen. Schon klar: Manche Kinder gehen als Polizist, Prinzessin oder Eisbär verkleidet in die Schule. Einige Bäckereien bieten in diesen Tagen auch bunt verzierte Berliner an. Und sicherlich verirrt sich in das ein oder andere Wohnzimmer auch mal eine Luftschlange, doch ansonsten ist Soest karnevalsfreie Zone.

Hatte die Idee zu „Stadtführung für Karnevalsmuffel“ – Kristina Reinke
Foto: Gero Sliwa

Eine gute Idee benötigt auch immer ein gutes Team zur Umsetzung wie bei der Tourist Information von links: Pia Risken, Annette Vollmer, Robin Preußer, Dunja Herzog, Vera van Sloten und Kristina Reinke.
Foto: Gero Sliwa

Mehr Karneval geht nicht in Soest - eine einsame Luftschlange auf dem Bronzemodell der Stadt Soest vor dem Rathaus
Foto: Sebastian Moritz



Wer in Soest Spuren des Karnevals sucht, muss schon sehr genau hinschauen. Schon klar: Manche Kinder gehen als Polizist, Prinzessin oder Eisbär verkleidet in die Schule. Einige Bäckereien bieten in diesen Tagen auch bunt verzierte Berliner an. Und sicherlich verirrt sich in das ein oder andere Wohnzimmer auch mal eine Luftschlange, doch ansonsten ist Soest karnevalsfreie Zone. Wer feiern möchte, muss nach Ostönnen, Körbecke, Lippborg oder Welver fahren. Innerhalb der historischen Stadtmauern steht die fünfte Jahreszeit erst im November an.
Und genau das brachte Kristina Reinke auf eine Idee. Bei der Wirtschaft und Marketing GmbH in der Teichsmühle kümmert sie sich darum, Soest auch überregional bestmöglich in Szene zu setzen. Erstmals organisiert sie mit ihrem Team in diesem Jahr daher eine „Stadtführung für Karnevalsmuffel“. „Ich habe einfach gedacht: ‘Wir machen mal was, was andere noch nicht gemacht haben und erzählen nicht nur, was wir können, sondern auch mal, was wir eben nicht können, das gehört ja genauso zu uns”, erklärt sie.
Los geht es mit der besonderen Stadtführung an Rosenmontag, pünktlich um 11:11 Uhr, als kleine Alternative zu den großen Karnevalsumzügen. „Dieses Angebot kommt garantiert ohne Kamelle, Alaaf und Büttenrede – nicht aber ohne eine gute Portion Humor und ein gewisses Augenzwinkern – aus”, heißt es in der Einladung. Immer mehr ruhesuchende Rheinländer hätten Soest inzwischen als karnevalsfreie Zone schätzen gelernt und legten hier eine Auszeit ein, während in Köln, Düsseldorf oder Bonn die Jecken regieren.
Die Stadtführung wird daher ganz offensiv und natürlich ebenfalls mit einem Augenzwinkern als "Friedensangebot” an die Rheinländer vermarktet, schließlich waren Soest und Köln während der Fehde alles andere als gut aufeinander zu sprechen. Doch der Fehde-Handschuh sei zum Glück schon lange begraben. "Daher lädt Soest jetzt sogar karnevalsmuffelige Rheinländer dazu ein, während der tollen Tage einen ruhigen Zufluchtsort zu finden – was im närrischen Westfalen gar nicht so einfach ist”, heißt es von den Organisatoren. Sie karnevalistische Feierschwäche der Soesterinnen und Soester habe übrigens historische Gründe, erklärt Kristina Reinke. So sei die Soester Stadtgeschichte nicht nur durch die Soester Fehde geprägt, sondern ganz entscheidend auch durch die Reformationsbewegung und der Karneval hat seinen Ursprung bekanntlich im katholischen Christentum.
Die ungewöhnliche Marketing-Idee aus der Teichsmühle hat gezündet. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtet von der “Karnevalsfreisten Stadt in NRW” und die Bild-Zeitung schreibt erstaunt: “Kaum zu glauben, aber es gibt sie wirklich: In dieser Stadt wird kein Karneval gefeiert.” Wegen der großen Nachfrage gibt es an Rosenmontag nun sogar zwei Stadtführungen, alle 50 verfügbaren Plätze sind bereits ausgebucht. “Bei Interesse ist natürlich eine Fortsetzung in 2026 geplant”, blickt Kristina Reinke schon auf das nächste Jahr. Bleibt nur zu hoffen, dass das den ruheliebenden Karnevalsmuffeln in Soest nicht irgendwann auch zu trubelig wird...
Sebastian Moritz
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Publiziert am:
27.3.25