Neues Museum erzählt über Menschen und ihre Geschichten
Nah dran und tief in der Geschichte: Die „Gedenkstätte Französische Kapelle – Museum für Zeitgeschichte“, die am Freitag, 21. Februar, ihre Türen öffnete, erzählt auf anschauliche Art über Menschen, über die Zeit, in der sie lebten, und davon, wie stark politische Verhältnisse in persönliche Schicksale greifen.

Ein Belgier, der zum Soester wurde: Julien Lepever kam als 20-Jähriger nach Westfalen und weiß noch genau, wie er Anfang der 1970er-Jahre in die Steenstrate Kaserne (Metzer Kaserne) am Lübecker Ring einzog. Sein Zeitzeugen-Bericht gibt Einblick in das belgische Leben in Soest.
Foto: Heyke Köppelmann

Burkhard Schnettler, ein großer Freund der Belgier. Der bekannte Soester sammelte über viele Jahre Erinnerungsstücke, einen Teil davon schenkte er der Geschichtswerkstatt für das neue Museum. Das Fensterbild der 1970 eröffneten belgischen Schule Koninklijk Atheneum am Canadischen Weg (heute Gesamtschule) gehört zu den Exponaten.
Foto: Heyke Köppelmann

„Das bin ich!“ Roger Cap zeigt auf ein Foto, das ihn in jungen Jahren zeigt. Zweimal war er als belgischer Berufssoldat in Soest stationiert – er blieb auch als Pensionär
Foto: Heyke Köppelmann

„Die Gedenkstätte Französische Kapelle – Museum für Zeitgeschichte“ trägt ihre Handschrift (von links): Susanne Abeck (Historikerin), Ricarda Quest (Designerin, Gestaltungskomitee), Suna Niemetz (Grafikerin), Anke Asfur (Historikerin) und Stefan Nies (Historiker). Zum Team gehört außerdem Thomas Dietz (Gestaltungskomitee).
Foto: Heyke Köppelmann

Die „Französische Kapelle“ – ein von kriegsgefangenen Offizieren aus Frankreich 1940 gestalteter Gebetsraum im Dachgeschoss von Block 3 – bildet den Mittelpunkt der Gedenk- und Begegnungsstätte und gilt als wichtiger Ort der deutsch-französischen Geschichte.
Foto: Heyke Köppelmann

„Ein einmaliger Fund“, heißt es in den Erläuterungen zu einer Vielzahl von Alltagsgegenständen, die Archäologen bei ihren Untersuchungen auf dem früheren Kasernen-Areal entdeckten. Ein Teil der Fundmasse ist in einer Vitrine zu sehen.
Foto: Heyke Köppelmann

Das Museum ist geöffnet. Zahlreiche Besucher sahen sich bereits um. Ab März besteht jeden zweiten Sonntag im Monat von 11 bis 17 Uhr die Möglichkeit zum Rundgang.
Foto: Heyke Köppelmann

Ein bewegender Augenblick: Andreas Rogall betrachtet ein Bild seines Vaters. Der Maler Karl Rogall (geb. 1938) engagierte sich in der Soester KPD, zeichnete für die Zeitung „Die rote Wippe“ und wurde wegen seiner kritischen Haltung in der NS-Zeit verfolgt.
Foto: Heyke Köppelmann








Nah dran und tief in der Geschichte: Die „Gedenkstätte Französische Kapelle – Museum für Zeitgeschichte“, die am Freitag, 21. Februar, ihre Türen öffnete, erzählt auf anschauliche Art über Menschen, über die Zeit, in der sie lebten, und davon, wie stark politische Verhältnisse in persönliche Schicksale greifen. Viele dieser Menschen, in deren Biografien die Besucher fortan bei einem Rundgang Einblick bekommen, blieben in Soest, auch ihre Kinder und Enkel sind in der Börde zuhause. Wer ging, behielt Soest meistens lange im Gedächtnis. Die frühere Adamkaserne am Meiningser Weg (heute „Zur Französischen Kapelle 16a“) – eine Stätte lokaler Historie vor dem Hintergrund des weltpolitischen Geschehens. Der Weg war lang und anstrengend, große Beharrlichkeit war vonnöten, doch nun war es so weit: Die Geschichtswerkstatt um den Vorsitzenden Werner Liedmann nahm die neu konzipierten Ausstellungs-Räume im Dachgeschoss des Blocks 3 in Betrieb. Im Mittelpunkt: die „Französische Kapelle“ mit ihren anrührenden, ausdrucksstarken Wandmalereien, gerahmt vom Farbdreiklang der französischen Trikolore, geschaffen von kriegsgefangenen Offizieren.
Für frühere Bewohner der ehemaligen Kaserne und Angehörige war es ein emotionaler Augenblick, nun beim offiziellen Start des mit herausragendem Engagement geschaffenen Museums an einem Original-Schauplatz der Geschichte zu stehen, der eng und einschneidend mit dem eigenen Lebensweg verbunden ist. Gebürtige Schlesier erinnerten sich beim Blick auf die Exponate, wie sie als Kind ihre Heimat verlassen mussten, fast ohne Habe in Soest ankamen und in die ärmlichen Stuben am Meiningser Weg zogen, froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Tochter eines im Zweiten Weltkrieg im Oflag VIA eingesperrten Gefangenen entdeckte bewegt ein Foto ihres Vaters. Frühere Soldaten, heute Pensionäre und begeisterte Wahl-Soester, betrachteten interessiert Fotos und Texte über die belgischen Streitkräfte in der Garnisonsstadt Soest, zunächst als Teil der alliierten Besatzungsarmee und später als Nato-Partner. Sie bestätigen, was auch die Tafeln und Objekte in den Fokus rücken: Aus Fremden wurde Freunde – ein exzellentes Beispiel dafür, wie Völkerverständigung funktioniert. Andreas Schaeben, Honorarkonsul des Königreiches Belgien, würdigte anlässlich des Festaktes den besonderen Soester Einsatz für das europäische Miteinander. Der französische Generalkonsul Etienne Sur zollte in einer beeindruckenden und mit lang anhaltendem Applaus bedachten Rede hohe Anerkennung für einen außerordentlichen Ort des Gedenkens und des Nachdenkens, für ihn ein bedeutendes Werk, gerade jetzt, in aktuell herausfordernden Zeiten.
Die Besucher sind eingeladen, auf Zeitreise zu gehen. Das interaktive Museum mit einer Reihe digitaler Medien widmet sich in mehreren Stationen der wechselvollen Geschichte des Kasernen-Geländes mit unterschiedlichen Nutzungen im Laufe der Jahrzehnte, beginnend mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Weg in den Krieg. In der Gesamtbetrachtung geht es um Menschen, die aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurden, um die Gefangenen aus Frankreich, Polen, Belgien, den Niederlanden und aus der Sowjetunion, ebenso um die Zwangsarbeiter. Die Besucher erfahren, was es heißt, heimatlos zu sein, vertrieben zu werden, zu flüchten und sich in der Fremde unter Fremden neu orientieren zu müssen. Den Belgiern und ihren Familien ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Soest und die Belgier, die Belgier und Soest – ein Stoff, der reicht, um ganze Bücher mit Beispielen gegenseitiger Wertschätzung zu füllen.
Wie wohl sich die Soldaten hier fühlten, macht ein Zeitungsausschnitt unter Glas deutlich, der die Leser 1967 mit der schönen Nachricht aus der „Gazet van Antwerpen“ erfreute, den Soestern komme höchstes Lob eines belgischen Autors zu. Der nämlich habe geschrieben: „Die deutsch-belgische Verbrüderung besteht in Soest nicht aus eitlen Worten. Die gemeinsamen schwarz-gelb-roten Farben eignen sich vortrefflich für alle möglichen Kombinationen.“ Der Zeitungsmann rühmte die ausgezeichnete Beziehung zwischen Soest und seinen belgischen Soldaten: Die Liebe zwischen Schützenpanzern sei heute keine Sünde mehr.
HeykeKöppelmann
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Publiziert am:
27.3.25