... aus dem Kirmesleben

Reporter im Bayernzelt? Ehrensache!

Es ist einer dieser Arbeitstage nach dem nichts mehr ist, wie es vorher war. Zumindest für die folgenden viereinhalb Tage. Ein Job, ganz nah am Puls der Soester Kirmes. Wenn es gut läuft, ein Job, mit dem ersten Kirmes-Bier des Jahres. Und ein Job, bei dem niemand von einem Soester Journalisten ernsthaft Objektivität verlangen kann: Kirmes-Reporter am Mittwochnachmittag im Bayernzelt, das ist Ehrensache.

Weil eine gute Vorbereitung die halbe Miete ist, kommt der erfahrene Lokal-Journalist schon mit Soest-Schal und Kirmes-Hose in die Redaktion, ist jackentechnisch auch für einen möglich Schauer am Abend gerüstet und sieht zu, dass der Feierabend möglichst fließend in den Pferdemarkt-Urlaub übergeht. Wer am Mittwochmorgen durch die Soester Innenstadt geht, der weiß, wie sich Ruhe vor einem Sturm anfühlen muss.

Vor der Losbude, wo schon Stunden später die ersten Nieten zwischen den Fugen des Kopfsteinpflasters liegen, fährt noch einmal die Kehrmaschine. Popcorn und Lebkuchenherzen, die später in den bunten Scheinwerfern der Karussells leuchten, liegen noch unscheinbar gestapelt in großen Pappkartons. Und graue Rollos verhindern den Blick auf noch zu leerende Falschen mit Bullenauge und Honigschnaps. Die Gewissheit, dass dieses Paradies zwischen Fachwerk und Grünsandsteinmauern schon in wenigen Stunden erwachen wird, sorgt mindestens für erhöhten Pulsschlag. Bei vielen für unbändige Freude auf das, was kommt.

„Wird das der Stand sein, an dem ich die Schulfreunde von damals wieder treffen werde?“ „Ist das die Schießbude, an der ich zu später Stunde eine Rose für eine noch nicht auserwählte Dame schießen werde?“ „Oder ist das vielleicht die Geisterbahn, in die wir uns retten, wenn die ersten Regenwolken über die Innenstadt ziehen?“ Fragen, auf die es in den kommenden Tagen Antworten geben wird. Und Fragen, die den Weg zur Arbeit am ersten Mittwoch nach Allerheiligen besonders aufregend machen.

Vormittags um elf könnte man auf den Bierbänken im Soester Bayernzelt noch problemlos die Füße hoch legen. Die Tischdecken – mal rot-weiß, mal blau-weiß – liegen noch unbeschmutzt und an allen Seiten gleich lang auf den Tischen. Die Maßkrüge stehen kopfüber und gespült auf der Theke. Nur wer genau hinschaut, entdeckt bereits Vorboten des großen Trubels: Das Holzfass auf der Bühne: Noch eine kleine Randerscheinung zwischen Keyboard und Lautsprecher-Boxen, gleich Mittelpunkt der für manchen wichtigsten Amtshandlung eines Soester Bürgermeisters.

Wuselnde, doch offenbar routinierte Mitarbeiter schieben Kisten und tragen Gläser. Noch ist man hier verhältnismäßig einsam, doch es fühlt sich gut an, da zu sein. Immerhin als einer der Ersten. Ein erstes kleines Reporterstück für die 11:30 Uhr-Nachrichten und die Gewissheit: Viele die das hören, wären jetzt auch gerne hier. Zwischen zwölf und halb eins öffnet sich immer wieder mal eine der Zelttüren. Schüchterne Blicke später ganz bestimmt überhaupt nicht mehr schüchterner Soester fliegen über die leeren Bankreihen.

Ihre Blicke sagen: „Ja, ich weiß, ich bin zu früh, aber einen Sitzplatz möchte ich schon haben und eine der ersten Reihen wäre auch schön.“ Irgendwann trauen sich dann doch die Ersten Platz zu nehmen. Die vorderen Reihen bleiben frei, sind ja auch reserviert, doch allmählich füllt sich das Zelt. Gegen eins kommen dann auch die, die schon Feierabend und ihr erstes Kirmes-Bullenauge hinter sich haben. Die ersten Interviews mit Soester Kirmes-Fans sind jetzt kein Problem mehr, Furcht vor dem Radio-Mikrophon scheint niemand mehr zu haben.

Anfängliche Scheu und Schüchternheit weichen manchmal schon überschwänglicher Mitteilungsbereitschaft. Der Kirmes-Reporter ist ganz nah dran, wäre noch viel lieber dabei, muss sich aber noch ein klein wenig gedulden. Doch die Tatsache, dass mit einem Mal alles ganz schnell geht, macht das Warten um Einiges erträglicher. Die ersten Freunde auf Kirmes-Besuch kommen ins Zelt, die Kapelle spielt, Jägerken und Bördekönigin ziehen zwischen den Bänken in Richtung Bühne und plötzlich ist man wirklich Mitten drin. Kurz noch die Frage beantworten, wie viele Schläge der Bürgermeister gebraucht hat, um ganz offiziell den Ausnahme-Zustand einzuläuten, schnell den Laptop in die Tasche und dann ist er auch schon vorbei, dieser Arbeitstag, nach dem nichts mehr ist, wie es einmal war. Zumindest für die folgenden viereinhalb Tage.

Sebastian Moritz

Weitere Geschichten befinden sich im Buch „Soester Kirmesgeschichten – Teil 4“