... aus dem Kirmesleben

Die Sache mit Papa

Ich will ehrlich sein, ich bin kein Kirmesfreund. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und dort bedeutet Kirmes in erster Linie Stress, wenn es dunkel wird und die ersten Alkoholleichen irgendwas an dir auszusetzen haben, weil das Leben noch nicht genug Konflikte hat. Weil du Ärger riskierst, nur weil du zum Beispiel zu lange in die Augen des Mannes geschaut hast, der dem Schild „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ gefolgt ist. Kirmes bedeutet im Revier fettige Pommes, schreckliche Musik aus dem Ballermann-Imperium und kandidierte Äpfel, die dir die letzte Amalgamfüllung ohne Probleme und ärztliche Hilfe aus dem Mund ziehen. Kirmes fürchten einige Beamte der Bereitschaftspolizei fast mehr als ein Heimspiel zwischen Borussia Dortmund und dem Verein aus der Verbotenen Stadt, das will was heißen. Kirmes im Ruhrgebiet war für mich immer ein Grund, das Weite zu suchen, was dort übrigens genauso gut funktioniert wie in Soest. Nur das die Weite im Revier nicht im Wald endet, sondern an der nächsten Stadtgrenze.

Als ich nach Soest kam, wurde mir schon im Frühjahr signalisiert, wie unfassbar toll, groß und einzigartig die Allerheiligenkirmes ist. Klar, was sonst? Ich nickte immer nur und dachte mir meinen Teil. Die Aussicht auf Fahrgeschäfte, für die ich Geld bezahlen muss, damit mir nachher übel wird, war so verlockend wie ein Magen-Darm-Virus während einer dreizehnstündigen Busfahrt nach Spanien im Hochsommer. Ich suchte bereits im Sommer nach Ausreden, um während dieser „sagenhaften“ Kirmes nicht anwesend sein zu müssen. Meine Frau war da anders, sie kannte die Kirmes schon vorher, auch sie wurde nie müde mich davon überzeugen zu wollen, wie toll das alles ist. Ja, ja …ganz toll, bestimmt.

Dann aber kam sie, die Kirmes und alle Vorurteile waren schneller über Bord, als ich es mir je hätte vorstellen können. Und ich kann mir sehr viel vorstellen. Ich bin ein Autor, ich lebe davon, mir Dinge vorzustellen. Aber die Soester Allerheiligenkirmes kann man sich nicht vorstellen, die muss man erleben. So! Diese Kirmes ist anders als alle anderen. Weil die Menschen anders sind und weil die Fahrgeschäfte nur die Atmosphäre schaffen für eine Stimmung zwischen Karneval in Rio, Kindergeburtstag, Kegelausflug und den Passionsspielen in Oberammergau. Schrill bunt und doch hoch ergreifend. Ist so!

Einmal habe ich die Kirmes mit meinem Vater erlebt, der von ähnlichen Kirmeserlebnissen im Ruhrgebiet geprägt war wie ich und entsprechend begeistert auf meinen Vorschlag reagierte, mitzukommen. Ihn zu überreden war eine Kunst, ihn anschließend zu bitten, wieder mit nach Hause zu kommen, gestaltete sich aber noch viel schwieriger. Meine Familie und ich und einige sehr gute Freunde haben ihn in einer Stimmung erlebt, die Seltenheitswert besaß. Und in unserem ersten gemeinsamen Kirmesjahr haben wir im Überschwang der guten Laune etwas gemacht, was man nicht tun darf. Aus nahe liegenden Gründen, werde ich an dieser Stelle auch nicht verraten, was es war. Nur so viel, dieses Erlebnis mit meinem Vater werde ich nie vergessen. So jung und angenehm verrückt, so kindsköpfig und positiv ungestüm habe ich ihn selten zuvor gesehen. Jetzt, wo er nicht mehr lebt, denke ich immer daran, wenn die Kirmeswagen kommen. Meine Frau und meine Freunde erinnern sich auch daran. Und an der Stelle, an der mein Vater und ich diesen Streich gespielt haben, fällt fast immer der gleiche Satz: „Weißt du noch damals, dein Vater …?!“ Ja, ich weiß! Und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue darauf, mich daran zu erinnern… – an die Sache mit Papa. 

von Michael Gantenberg