... aus dem Kirmesleben

Die Raupe im Sinn und Schmetterlinge im Bauch

Schade, dass es sie nicht mehr gibt, jene frühgeschichtlichen grünen Riesenraupen unserer Kindheit. Heute, da alles immer schneller, schriller, bunter sein muss, da man Reiz und Nervenkitzel nur durch immer höhere, gefährlichere, lautere „Powertower“ und „Super loops“ zu erreichen glaubt. Unvorstellbar, wie bescheiden dagegen unsere gute alte Soester Allerheiligenkirmes damals in den ersten Nachkriegsjahren war. Wie behaglich die „Fahrt zum Mond“ mit ihrer gleichförmigen Kreisbewegung und den gängigen Schlagermelodien. Wie behäbig ratterte auf dem Marktplatz, vor der Engel-Apotheke und vor den Schaufenstern von Bücher-Weiss die Raupe ihre Kreisbahn, wie öffnete und schloss sich im steten Auf und Ab, im immer gleichen Rhythmus ihr grünes Verdeck. Wie ruckelte und zuckelte die Raupe und wechselte ständig die Neigung ihrer speckigen Sitzbänke, so dass die beim Höhepunkt der „rasenden Fahrt“ doch spürbaren Fliehkräfte die Insassen verschiedenen Geschlechts und Alters hin- und her rutschen ließen und dadurch den ersehnten Körperkontakt mit dem Banknachbarn oder der Nachbarin unvermeidbar machte.

Ja, wie war das eigentlich? Warum war dieser Raupendinosaurier für viele trotz seines asthmatischen Ächzens und nicht gerade atemberaubenden Tempos ein so aufregendes Karussell, welches immerzu von Trauben lachender, grinsender, feixender Mädchen und Jungen eines gewissen Alters belagert wurde. Nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen. Halbstarke, pubertierende Jünglinge und schüchterne und verschämte Mädchen, oft noch mit Zöpfen, die es gern einmal gewusst hätten, aber meist noch nicht genau wussten was. So ging es damals auch mir, dem Jungen vom Lande, aus der zweiklassigen Zwergschule zwischen Opmünden und Beusingsen, der gerade mal seit zwei oder drei Jahren die Soester Städtische Realschule am Hohen Weg besuchte und sich in einer Jungenklasse mit beinahe 50 Mitschülern durchschlagen musste.

Ein schüchterner Einzelgänger war ich, der am liebsten allein durch die Felder streunte, sich Flitzebogen schnitzte und damit vergeblich Kaninchen und Hasen hinterher jagte. Zur Kirmes zog mich eigentlich nichts, und dennoch kam ich nicht umhin, mich von der allgemeinen Begeisterung meiner Klassenkamerade anstecken zu lassen. „Mann“ konnte ja nicht zugeben, so recht keinen Spaß an dem Trubel zu haben und zu geizig zu sein, das spärliche Taschengeld für ein paar Fahrten im Kreis auf den Kopp zu hauen. So war ich mit Klaus Peter, meinem besten Freund, der in Soest wohnte und dessen städtische Weltgewandtheit ich heimlich bewunderte, unterwegs auf der Kirmes, wie alle anderen auch.

Ziellos ließen wir uns von der Menschenmenge mitreißen und treiben, bis wir schließlich auf dem Markt angelangt waren, wo die Jugendlichen aus ganz Soest und Umgebung bei der „Fahrt zum Mond“ und der besagten „Raupe“ herumlungerten. Ein wenig neidisch schauten wir den älteren, bereits etwas mutigeren Jungs zu, die ein Mädchen an der Hand oder im Arm hielten und herausfordernd mit dem anderen Geschlecht herum schäkerten. Was fanden die eigentlich alle daran, stundenlang am Geländer eines Karussells zu lehnen, zu glotzen, zu winken und herumzualbern? Neugierig schaute ich all dem zu und plötzlich hatte ich meinen Freund im Gedränge verloren. Unschlüssig stand ich inmitten der Menschenmenge auf dem Markt. Magisch zog es mich dorthin, wo das Kreischen der Halbwüchsigen am lautesten war, insbesondere wenn das Verdeck der Raupe sich in „wilder Fahrt“ schloss und wenig später wieder öffnete, schloss und öffnete. So stand ich dort wohl eine ganze Zeit verloren herum, als plötzlich ein dralles hübsches Mädchen vor mir, dem dünnen, blassen Schlacks, auftauchte und mich anblitzte:

„Hey, du kennst mich wohl nicht mehr?“ „Christine?!“ „Ja, deine Banknachbarin aus der Volksschule. Drittes Schuljahr.“ „Ja, nee, klar!“

Ich erkannte sie sofort, auch wenn ich in der Grundschule nur Augen für Dorothea von Engelhard gehabt hatte, für jenes engelhaft zierliche Flüchtlingsmädchen, das zu meinem unendlichen Kummer bald weggezogen war.

Was weiter geschah, ich erinnere es kaum. Jedenfalls: halb zog sie mich, halb sank ich hin und plötzlich saßen wir auf den glänzenden Polstern eines Raupen-Abteils und los ging die wilde Fahrt. Wir rutschten hin und her, hielten uns aneinander fest. Dazu schnulzte Rosita Serano mit kindlich verruchter Stimme ihren über 1.000 Jahre alten Schlager „Küüüüß miiich, bitte, bitte, küüüß miiich, bis die letzte Bahn kooommt, küss mich ohne Paaause, denn ich muss nach Haaause!“ Gegen den Gesang an ratterten in immer schnellerem Rhythmus die Räder der Raupe und immer bedrohlicher ächzte es im Gestänge des Karussells, bis sich schließlich, magisch erwartet und gefürchtet, das Verdeck mit Sirenengeheul über uns schloss. – Süßes Dunkel. – Da spürte ich auf einmal ihre weichen Lippen in meinem Gesicht. Gern ließ ich es geschehen und als ich begann, ihre feuchten Küsse zaghaft zu erwidern, da wurde es auch schon wieder hell. Erschrocken ließen wir voneinander ab. „Hoffentlich sieht keiner deine roten Ohren!“, schoss es mir durch den Kopf und ich wusste nicht so recht, ob ich mich freuen oder schämen sollte, weil ich gerade meine kindliche Unschuld verloren hatte.

„Wollen wir noch mal?“ fragte Christine und zog mich in Richtung Kasse.

Diesmal zahlte ich. Beim zweiten Mal schmeckten die Küsse schon nicht mehr so aufregend und zur dritten Fahrt kam es erst gar nicht mehr. Wir trennten uns und verloren uns für immer aus den Augen. Wer weiß, was daraus geworden wäre, wenn wir uns auf eine dritte Fahrt eingelassen hätten …

Heiter stromerte ich noch ein wenig über die Kirmes. Klaus Peter fand ich nicht wieder, wollte es wohl auch nicht. Und so machte ich mich auf den Heimweg. Zu Fuß, um das Geld für den Bus zu sparen. Die schönsten Gedanken und Pläne begleiteten mich und verkürzten mir den Weg. Den nächsten Kuss bekam ich einige Jahre später auf einer Parkbank in der Dämmerung der Soester Gräfte. Und es folgten viele weitere heiße Küsse bei „Spaziergängen“ mit meiner Birgit im stockfinsteren und verschwiegenen Stadtpark, wo es noch viel schöner und unheimlicher war als im Halbdunkel des rasenden Raupendinosauriers. (Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte.) Riesenraupen und Dinos sind heute ausgestorben, aber die vielen kleinen bunten Schmetterlinge leben weiter. Sie müssen leben!

von Volker Kneisel

Weitere Geschichten befinden sich im Buch „Soester Kirmesgeschichten – Teil 5“