... aus dem Kirmesleben

Von Pralinen, dem Haltepunkt und dem Vorteil, Karl zu heißen!

Wenn in Soest die fünfte Jahreszeit beginnt, stand für uns als Jugendliche in den 60er-Jahren einiges auf dem Programm. Für einen gebürtigen Soester war es Pflicht, jeden Tag zur Kirmes zu gehen. Ich habe auch einige auswärtige Berufsschulfreunde zu Kirmesfans gemacht. Unsere Hauptbesuchstage waren Freitagabend, Samstag, wenn möglich ab Mittag, und Sonntag.

Es war Sitte, in den fünf Tagen jedes Karussell zu testen, die damals noch ruhiger waren. Bratwurstwettessen war angesagt, Schießen an der Schießbude, Lose ziehen und Monte-Carlo spielen (eine Art Flipper). Von diesen Spielen waren meist zwei bis drei und mehr auf der Kirmes verteilt.

Fast immer begann mein Kirmesbummel mit dem Monte-Carlo. Der Einsatz betrug anfangs 10 Pfennig und später 20 Pfennig. Es waren meiner Erinnerung nach immer zwölf Spielgeräte in der Runde aufgebaut. Der Spieler mit der höchsten Punktzahl bekam als Preis eine Schachtel Pralinen. Da wir häufig mit fünf bis sechs Spielern teilnahmen, gewann mit größter Wahrscheinlichkeit einer von uns die Pralinen. Beim Verlassen der Spielstätte hatten wir häufig zehn oder mehr Schachteln. Kurze Zeit später wurde der Transport der Pralinen zur Last, und wir haben diese logischerweise vertilgt. Nach einigen Karussell-Fahrten begann dann der Magen zu rebellieren, und wir mussten uns schnell eine stille Gasse suchen, um uns Vorwürfe zu machen (zu übergeben).

Dann ging es weiter, der Alkoholkonsum hielt sich in Grenzen. Ein großer Spaß war später auch, Schießbudenbetreiber zur Weißglut zu bringen. Inzwischen bei der Bundeswehr, wussten wir, wie man den Haltepunkt eines Gewehres herausfindet. Wenn wir diesen hatten, schossen wir meist freie Auswahl. An der einen oder anderen Schießbude wurde uns das Schießen sogar verweigert. Besonders interessant war die Zeit, als über größeren Preisen – meist Puppen – ein Glaskörper hing, der oben und unten eine Art Flaschenhals hatte. Dieser Glaskörper musste mit drei Schuss komplett zerstört werden. Wenn man den Haltepunkt kannte, war mit dem ersten Schuss auf den unteren Flaschenhals und einem zweiten Schuss auf den oberen Flaschenhals der Glaskörper schon häufig zerstört, auf jeden Fall aber mit dem dritten Schuss.

Ein Highlight war das Karussell „Die Raupe“ (von den jungen Leuten heute würde es sicher belächelt werden). Die Raupe stand traditionell auf dem Markt vor dem Cafe Brechtmann (heute Eiscafé Venezia). Bei diesem Karussell wurde während der Fahrt ein Segeltuchdach geschlossen, und es wurde dunkel, so dass man in Begleitung eines Mädchens auch mal kurz einen Kuss stehlen konnte.

In der Lehrzeit wurde der Besuch des Pferdemarktes etwas schwierig, wenn man keinen Urlaub hatte. Die Arbeitgeber schlossen damals noch nicht am Donnerstag, wie es heute die meisten tun. Es wurde die Mittagspause – damals eineinhalb Stunden – genutzt, um kurz auf den Pferdemarkt zu kommen. Schwierig war es dann, wieder pünktlich in der Firma zu sein. Glück hatte man, wenn der Chef selbst nicht in der Firma war. In meiner Firma war zu der Zeit ein sehr toleranter Prokurist.

Da wir nur eine geringe Ausbildungsbeihilfe bekamen, war die Jagd nach dem Kirmesgeld vorher immer ein Thema: Oma, Opa, Onkel und Tanten waren gefordert. Ich war, da aus einer katholischen Familie stammend, gegenüber meinen Freunden im Vorteil. In der damaligen Zeit wurde in diesen Familien noch häufiger als heute Namenstag gefeiert. Mit meinem Namen Karl ist der Namenstag am 4. November, also kurz vor oder während der Kirmes. Ein besonderer Pluspunkt war außerdem, dass meine Eltern am gleichen Tag Namenstag hatten und feierten, was besonders viele Gäste und damit auch entsprechend Kirmesgeld bedeutete. Wie jeder „alte Soester“ habe auch ich einen speziellen Kirmesdress im Schrank, einen für nasskaltes und einen für nur kaltes Wetter.

von Karl-Josef Meier

 

Diese und viele weitere Geschichten befinden sich im Buch „Soester Kirmesgeschichten – Teil 5“