... aus dem Kirmesleben

Junges Reporterglück

Es war dieser Kirmesdonnerstag im Jahr 2000. Was hatten wir doch ein Glück: Die Welt war nicht untergegangen, Computer rechneten fleißig weiter und auch die Allerheiligenkirmes sollte in ihre nächste Runde gehen. Ein früher Anruf auf meinem Festnetztelefon weckte mich. Meine Eltern waren damals der Meinung, dass ich noch kein Handy bräuchte. Aus heutiger Sicht brauchte ich es auch wirklich nicht. Aber das ist ein anderes Thema. „Hi, hier ist Stefan. Kommst du mit zum Pferdemarkt? Wir frühstücken vorher bei mir.“ – „Na klar“, antwortete ich, „bin gleich bei dir“. Die anschließende Dusche belebte den müden Körper und ich machte mich auf zu Stefan.

Stefan hatte einen großen Vorteil: Seine Eltern wohnten und wohnen bis heute in der Innenstadt. Für uns war dieser Umstand Segen, für die Eltern vermutlich eher Fluch. Denn sämtliche Kirmesabende starteten in dem Einfamilienhaus im Lütgen Grandweg. Das „Anno“ hinter sich gelassen endeten sie auch oft wieder eben dort, denn Eier waren bei dieser Familie immer im Haus und wurden auch morgens um sechs noch zu einer Mahlzeit für hungrige Kirmesgänger verarbeitet. Oftmals saßen bis zu zehn Personen am Tisch. Stefans Eltern müssen einen sehr festen Schlaf gehabt haben.

Gestärkt mit einem guten Frühstück in unserer „Kirmesherberge“ ging es zum Pferdemarkt. Damals noch in der Version „Osthofentor bis Walburger Unterführung“. Also einmal beim Bullen vorbeischauen, Bierchen trinken, die neuesten Staubsaugerbeutel und Topfschwämme begutachten und dann eigentlich auch wieder Bierchen trinken. Denn wen interessierten im Alter von 16 Jahren schon Staubsaugerbeutel und Topfschwämme?

Gegen Mittag wanderten wir wieder in die Innenstadt. Auf dem Weg kamen uns Menschen entgegen, die irgendetwas von einem Stromausfall redeten. „War wohl schon ein Dudelmann zu viel“, dachte ich mir. Aber wir kamen der Kirmes näher und sahen das Desaster: Karussells standen still, am Musik-Express flackerten keine bunten Lichter, der Mann mit der Zuckerwatte hatte keine Arbeit mehr, Pommes waren nicht zu bestellen und auch der diesjährige Kirmes-Hit von DJ Ötzi „Hey Baby“ erklang aus keinem Lautsprecher mehr, sondern spulte sich lediglich in meinem Kopf ab, als ich die Erinnerungen des gestrigen Abends reflektierte.

Einen Moment lang atmete ich durch. Doch dann hörte ich Stimmen. Nicht etwa die Jungs neben mir, die diskutierten, wie denn nun dieser Kirmesdonnerstag für sie weitergehen würde. Nein, es wurde offenbar über mir gerufen und gesprochen. Ich schaute zum Himmel und langsam wurde mir klar, dass unsere Kirmes wirklich einen Stromausfall zu beklagen hatte. Hoch über dem Markt thronte die Gondel des „Power Tower“, offensichtlich voll besetzt. Die Menschen saßen in schwindelerregender Höhe fest – ohne Strom keine Landung. Wie die da wohl wieder runter kommen?

„Jungs, ich komme später wieder“, sagte ich und machte mich auf in unsere Redaktionsräume in der Jakobistraße. Wie immer war unser Radiosender über die Kirmestage nur mit einer Notbesetzung ausgestattet. Da war man für jeden dankbar, der irgendeinen journalistischen Beitrag leisten konnte. „Bei den Stadtwerken brennt ein Trafohäuschen“, rief mir die Nachrichtenredakteurin hektisch auf dem Flur entgegen. Der Planungsredakteur hielt mir ein Mikrofon mit einem Aufnahmegerät hin: „Willst du mal versuchen, die Menschen zu interviewen, wenn sie aus dem Power Tower aussteigen?“.

Hmm. Ich hatte doch gerade erst mein Praktikum wann sie überhaupt wieder runterkommen würden. Wie es denen wohl geht? Da muss man ja auch sensibel sein. Und was soll ich die überhaupt fragen? „Schöne Aussicht da oben gehabt? Mussten Sie gar nicht zur Toilette?“. Na ja, irgendwas wird mir schon einfallen. Ich will ja denen hier ja auch zeigen, dass ich das kann. Also marschierte ich bewaffnet mit Mikrofon und Aufnahmegerät los und steuerte wieder auf den Markt zu. Hier hatte sich inzwischen rund um den Power Tower eine riesige Menschentraube versammelt, die kollektiv nach oben schaute. „Die sitzen immer noch fest“, sagte eine ältere Dame aufgeregt neben mir. Wir warteten noch eine ganze Zeit. Dann endlich setzte sich die Gondel langsam in Bewegung Richtung Erdboden. Offenbar hatte man irgendeine manuelle Möglichkeit gefunden, diesen Höhenausflug zu beenden.

Neben mir stand ein aufmerksamer Herr mit Stift, Notizbuch und Fotoapparat. „Kollege von der Zeitung“, dachte ich. „Der weiß bestimmt was.“ Wir kamen ins Gespräch. Offensichtlich hatte er erkannt, dass ich noch zu den jüngeren Reportern zählte und fragte, wie lang ich den Job schon machte. „Ein paar Wochen. Ich mache das neben der Schule“. „Die Leute kommen gleich raus“, sagte er. „Wenn du möchtest, stelle ich gleich die Fragen und du hältst einfach dein Mikrofon mit rein. Ich zeig dir, wie das geht.“

Ich war erleichtert. Die Karussellfahrer stiegen aus und die, die nicht einfach direkt nach Hause wollten, stellten sich den Fragen des Zeitungskollegen. Mein Aufnahmegerät lief Sekunde um Sekunde mit. Die Meinungen waren geteilt. Einige schienen Momente der Angst durchgestanden zu haben, andere wären gern noch etwas oben geblieben und hätten weiter die schöne Aussicht genossen. Noch andere waren komplett durchnässt und zitterten, dann es hatte geregnet. Ich hatte viele schöne O-Töne bekommen, dankte artig dem Kollegen und machte auf den Rückweg ins Funkhaus.

Am nächsten Tag in der Schule war der Stromausfall selbstverständlich das Top-Thema. Ein Mitschüler sagte: „Ich hab bei euch im Radio von diesen Leuten gehört, die da im Power Tower fest saßen. Muss ja schlimm gewesen sein. Dass die überhaupt noch was ins Mikrofon sagen wollten.“ Ich schmunzelte: „Bei sowas musst du als Reporter ganz einfühlsam sein und dir die Fragen ganz genau überlegen.“ Das hatte ich ja jetzt gelernt. Und ich hatte meinen ersten Reportereinsatz. Auf der Allerheiligenkirmes. Es gibt bestimmt stressfreiere Orte für so etwas, aber irgendwie war es dann ja auch ein Heimspiel. Bei der nächsten Kirmes bin ich bestimmt wieder mit dem Mikrofon unterwegs. Soviel steht fest.

von Sebastian Belda

 

Diese und viele weitere Geschichten befinden sich im Buch „Soester Kirmesgeschichten – Teil 5“