... aus dem Leben

Immer wieder sonntags …

Moirtz von Hebel

Allerheiligenkirmes. Für mich, den mit Volksfesten aufgrund seiner Familienkonstellation verwöhnten Jungen aus dem Rheinland, die mit Abstand schönste aller sechs Jahreszeiten. Sobald der Herbst seine ersten Boten schickt und die Freunde in der Heimat anfangen, dem 11.11. entgegenzufiebern, beginne ich Tage zu zählen. Die Tage zu zählen, wie lange es noch dauert, bis das, so bin ich mir in dem Moment und eigentlich auch immer sicher, tollste Fest des ganzen Jahres beginnt. Meine Eltern, die mittlerweile in Soest leben dürfen, werden in der von Hebelschen WhatsApp-Gruppe mit der jeweiligen Anzahl der verbleibenden Tage bis zum Kirmesstart genauso genervt wie mit Bitten, Plakate oder Anstecker zu besorgen. Wobei meine Mutter, die mit für den westfälischen Einschlag und die Liebe zur Allerheiligenkirmes verantwortlich ist, gar nicht mal so genervt davon zu sein scheint. Lediglich mein kölscher Vater verdreht regelmäßig virtuell und auch real die Augen und ist sich sicher, dass der Rest seiner kleinen Sippe „völlig bekloppt“ ist.

Wenn dann das Aufbauwochenende kommt, an dem jeder Soester auf den Beinen zu sein hat, kann man mich meistens freitags auf der Autobahn erblicken, wie ich von der Neugier und der Vorfreude getrieben, den Weg von Köln Richtung Soest antrete, um mich, wie in jedem Jahr, davon zu überzeugen, dass keines der wunderschönen Fachwerkhäuser bei den präzisen Aufbauarbeiten beschädigt wird. Vielleicht gibt es ja da hinten schon ein …

Ja, es gibt eins: ein Bullenauge. Es schmeckt nur in Soest. Es schmeckt nur im November. Viele Versuche habe ich unternommen, dieses Getränk in meinem Kölner Umfeld zu etablieren; gescheitert. Bald geht es los. Wieder zurück in Köln, um noch bis Mittwochmittag dem Alltag zu fröhnen, sind die Kollegen und Freunde dran, ob sie wollen oder nicht, einen nicht enden wollenden Vortrag über die Geschichte, Daten und Fakten der Soester Allerheiligenkirmes lauschen zu dürfen. Viele kennen dies schon. Viele habe ich auch bequatschen können, einmal mitzufahren. Die meisten kommen immer wieder. Sogar bei meinen Karnevalsjungs bin ich mittlerweile auch durchgedrungen und auch sie wollen unbedingt kennenlernen, was westfälische Provinz so kann. Ich freue mich drauf.

Enden tut jede Kirmes traditionell sonntagabends mit dem letzten „drüberlaufen“. Früher mit Mutter und Omma, den westfälischen Urgesteinen meiner kleinen Familie, die zu unterschiedlichen Teilen „schuld“ daran sind, dass ich dieses Fest zelebriere, wie ich es zelebriere. Heute bin ich mit meiner Mutter bei diesem Gang alleine, und wir denken an die Omma.

Jedes Jahr am Kirmessonntag führte sie ihr letzter Weg zur Mandelbude am Beginn der Brüderstraße, vom Marktplatz aus gesehen. Hier gab und gibt es, seit ich denken kann „ein Pfund“ zum Mitnehmen und Aufbewahren des Kirmesgefühls sowie „100g“ zum sofortigen Verzehr. Diese Tradition bewahre ich und seit nunmehr fünf Jahren muss ich jedes Mal ein bisschen schluchzen, ob der schönen Kindheitserinnerungen an die Omma. Was bin ich froh bikulturell erzogen worden zu sein. Danke Omma, dass ich ein echter Halbwestfale sein darf.

Und auch wenn die Kirmes in diesem Jahr ausfällt, denke ich an Omma und freue mich auf nächstes Jahr …

Moritz von Hebel ist in Köln geboren, in der Domstadt aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Studium in Göttingen zog es ihn wieder in die rheinische Heimat. Regelmäßig zieht es den Freien Mitarbeiter im WDR aber auch nach Soest und vor allem zur Allerheiligenkirmes. Kein Wunder: Schließlich ist Soest die Heimatstadt seiner Familie mütterlicherseits. In diesem Jahr fällt die Kirmes aus. Dennoch möchte der Halbwestfale hier seine Kirmesgeschichte erzählen …